Wanderfalken in luftiger Höhe – und sie brüten doch!

Von Dr. Ralf Kohl

Im Rahmen der Festschrift zum fünfzigsten Jubiläum der NABU-Gruppe Saarbrücken wurden die Aktivitäten des Vereins von unterschiedlicher Seite und zu den unterschiedlichsten Themen dargestellt. Unter anderem schrieb Dr. Ralf Kohl einen Artikel mit dem Titel „Wanderfalken in luftiger Höhe" über das Wiederauftreten der Wanderfalken (Falco peregrinus) im Stadtbereich von Saarbrücken seit 1991 und die Bemühungen der Gruppe um eine Nisthilfe am Kamin des Heizkraftwerkes Römerbrücke mitten in der Kernstadt, die 1993 angebracht wurde. Dieser Artikel wurde auch auf der später eingerichteten Internetseite eingestellt. Die Datenlage endet im Jubiläumsjahr 2006. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte in der Nisthilfe noch keine Brut registriert werden,

In Ergänzung dieses inzwischen „historischen Artikels“ werden in dieser Abhandlung die neueren Entwicklungen zusammenfassend dargestellt. Genauer nachzulesen sind sie in den Mitteilungen der NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz IM SAARLAND, die mindestens jährlich herausgegeben werden und auch über die Vorgänge im letzten jeweils Brutjahr berichten (NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz IM SAARLAND 2009 bis 2022). Zusätzlich hat die Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz 2017 ein Sonderheft zum Brutplatz Römerbrücke veröffentlicht (NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz IM SAARLAND, 2017).

Nachdem die Nisthilfe von 1993 bis 2008 immer wieder angeflogen und auch zu Brutversuchen genutzt wurde, gelang im Jahre 2009 erstmals eine Brut und zwei Jungvögel konnten ausfliegen. 2010 gelang einem von zwei Jungvögeln der Start ins Wanderfalkenleben. 2011 fand eine Brut statt, die aber offensichtlich abgebrochen wurde, 2012 waren es drei Jungvögel, die beim Ausfliegen beobachtet werden konnten. 2013 kam es zum Abbruch der Brut und 2014 wurde ein Restei geborgen; nach dem sauberen Zustand des Kastens fand offenbar keine Aufzucht weiterer Pulli statt. 2015 war es dann wiederum ein flügger Jungvogel.

Bis dahin war das Beobachten des Brutgeschehens und vor allem das Registrieren der Anzahl der Jungvögel eine sehr aufwendige Angelegenheit. Durch den Standort der Nisthilfe in einer Höhe von 100 m über dem Erdboden am Kamin des Heizkraftwerkes Römerbrücke gab es nur einige wenige, zudem weit entfernte Punkte, von denen eine Einsicht möglich war.

Im Laufe des Jahres 2015 konnte, finanziert durch die Betreiber des Kraftwerkes „Energie SaarLorLux", eine Videokamera installiert werden, die seither mit zwei Bildern pro Sekunde 24 Stunden täglich aus der Nisthilfe am Kraftwerk Römerbrücke überträgt, und sowohl das Beobachten des Brutgeschehens um ein Vielfaches erleichtert als auch inzwischen eine große Fangemeinde gefunden hat, die das Geschehen am Heizkamin mit viel Interesse mitverfolgt.

2016 wurden vier Eier gelegt, aus denen aber nur zwei Junge schlüpften, von denen jedoch eines im Horst verstarb. Da als Ursache für den geringen Bruterfolgt die Korngröße des Substrates der Nisthilfe vermutet wurde - es war ursprünglich dort relativ grober Kies eingebracht worden, um ein Herauswehen von kleineren Kieselsteinen und damit eine Gefährdung in der Umgebung zu verhindern – wurde im August 2016 der Kies gegen eine feinere Körnung ausgetauscht.

In den darauffolgenden Jahren wurde mit Ausnahme von 2020 jährlich mit wechselndem Erfolg gebrütet. 2018 verstarb das Weibchen während der Brutzeit, doch das Männchen schafftes es trotz dem Erscheinen eines neuen Weibchens, das sich aber nicht um die Jungvögel bemühte, die beiden Jungen bis zum Ausfliegen zu füttern. 2019 erfroren bei kalter und nasser Witterung die vier geschlüpften Jungvögel im Horst. 2021 schlüpften vier Jungvögel, die offenbar erkrankten. Mindestens einer hat den Abflug nicht überlebt und ein weiterer wurde verletzt aufgegriffen; er kam in eine Auffangstation und lebt nun bei einem Züchter in der Westpfalz.

2022 schlüpften ebenfalls vier Jungvögel, wobei keine Ausfälle beim Ausfliegen beobachtet wurden. Einer hatte sich in einer Halle verirrt und wurde von einem Mitarbeiter wieder freigelassen.

Die Daten von 2009 bis 2022 sind noch einmal in der nachfolgenden Tabelle 1 zusammengefasst.

Tab. 1 Bruten des Wanderfalken (Falco peregrinus) in der Nisthilfe am Kamin des Heizkraftwerkes Römerbrücke in Saarbrücken.

Bleibt zu hoffen, dass die Wanderfalken weiherhin diesem Standort treu bleiben, und auch in Zukunft von der Nisthilfe am Heizkraftwerk Römerbrücke junge Wanderfalken in ein Leben in luftiger Höhe starten können.

Zu danken ist zum Einen dem Betreiber des Kraftwerkes "Römerbrücke" in Saarbrücker, dem Konzern "Energie SaarLorLux", der stets ein offenes Ohr für alle Anliegen der Wanderfalkenschützer hat und insbesondere die Installation der Webcam finanziert hat und die Bilder über seine Internetseite einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, sowie dem dortigen Ansprechpartner, Herrn Eichacker. Zum anderen den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz, allen voran der Leiterin, Frau Marion Geib, die stets bemüht sind, zum einen die Brutbedingungen zu verbessern und durch ihre Beobachtungen und Zusammenstellungen einen Einblick ins Leben der saarländischen Wanderfalken ermöglichen. Frau Geib gilt auch mein herzlicher Dank für die Durchsicht und Ergänzung des Manuskriptes.

Saarbrücken im September 2022

Dr. Ralf Kohl

NABU Saarbrücken

Literatur:

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2009): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 11, Juni 2009.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2010): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 14, Dezember 2010.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2011): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 16, November 2011.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2012): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 18, Oktober 2012.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2013): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 20, August 2013.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2014): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 22, November 2014.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2015): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 24, Dezember 2015.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2016): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 25, November 2016.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2017): Sonderdruck zum Brutplatz Römerbrücke. Heft 26, August 2017.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2017): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 27, November 2017.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2018): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 28, November 2018.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2020): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 29, Januar 2020.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2021): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 30, Januar 2021.

NABU Arbeitsgruppe Wanderfalkenschutz im Saarland (Hrsg.,2022): Mitteilungen für unsere Mitarbeiter/innen. Heft 31 - Januar 2022

Webcam unter: www.energie-saarlorlux.com/energie-saarlorlux/engagement/falkenkamera/
 

Wanderfalken in luftiger Höhe

 

von Dr. Ralf Kohl 2006 zum 50. Jubiläum der NABU-Gruppe Saarbrücken

Im Zuge des Bestandseinbruches der Wanderfalken (Falco peregrinus) in den fünfziger und sechziger Jahres des letzten Jahrhunderts verschwand die Art als Brutvogel auch aus dem Saarland. Die letzten Wanderfalken wurden 1963 an ihrem Brutfels im nordwestlichen Lan-desbereich beobachtet (ROTH et al. 1990). Mit dem ansteigenden Bestand der Wanderfalken in anderen Bundesländern, der unter anderem auf konsequente Horstbewachung zurückgeht, wurden Wanderfalken auch im Saarland immer wieder beobachtet. Als Brutmöglichkeit für diese im südlichen Teil ihres Verbreitungsgebietes felsbrütende Art - in den nördlichen Re-gionen gibt es neben Baum- auch Bodenbrüter - kommen neben den natürlichen Felsen der unteren Saar und anthropogen geschaffenen Horststandorten in Steinbrüchen auch die Kunstfelsen der menschlichen Siedlungslandschaft in Betracht. Seit 1993 gehört der Wanderfalke wieder zu den saarländischen Brutvogelarten (SÜSSMILCH et al. 1997) und konnte 2004 in sieben Revieren nachgewiesen werden (BOS et al. 2005).

Im Bereich der Landeshauptstadt Saarbrücken wurden Wanderfalken seit 1991 regelmäßig beobachtet. Peter Emil Engel hat die schnellen Flieger nicht nur beobachtet, sondern alle Daten genau in seinen Beobachtungsjournalen festgehalten. Da er die Beobachtungen dem Autor zur Verfügung stellte, ist es ihm zu verdanken, daß nun auf über 1000 Beobachtungen aus 15 Jahren zurückgegriffen werden kann.

Seit November 1991 konnte ein adulter Wanderfalke regelmäßig am Kamin des Heizkraftwerkes Römerbrücke festgestellt werden. Besonders interessant an den Beobachtungen ist, daß sich dieser Wanderfalke an dem insgesamt 176 m hohen Kamin immer im oberen Bereich.aufhielt und mit Beute oben am Kamin landete und kröpfte. Der Vogel verschwindet im März 1992 und ist erst ab Ende November 1992 wieder am Kamin zu beobachten. Die weiteren Beobachtungen decken den Zeitraum bis Anfang April 1993 ab.

Als der Kamin im Laufe des Jahres 1993 saniert wird, kann die NABU-Gruppe Saarbrücken ihre Idee, eine Nisthilfe am Kamin anzubringen, in die Tat umsetzen. Der damalige Chef der Saarbrücker Stadtwerke und spätere saarländische Umweltminister, Herr Prof. Willy Leonhardt, gibt seine Zustimmung. Durch enge Kontakte zu den in Baden-Württemberg aktiven Wanderfalkenschützern kann auf deren Erfahrungen mit Nisthilfen an ähnlichen Standorten zurückgegriffen werden. Nach den schwäbischen Vorgaben lassen die Saarbrücker Vogelschützer eine Nisthilfe aus Edelstahl bauen, die den Anforderungen bzgl. Witterung, aber auch bzgl. Sicherheit in luftiger Höhe gewachsen ist. Der innere Bereich wird mit Kies aus-gelegt.

Die Nisthilfe kostet knapp 2000 DM und wird von der mit den Sanierungsarbeiten betrauten Firma im August 1993 an der Ostseite des Kamins in halber Höhe angebracht. Der Standort wurde gewählt, um den Falken einerseits optimalen Schutz vor dem in diesem Bereich nor-malerweise vorherrschenden westlichen Wind zu gewährleisten und andererseits optimale Sicht und Startbedingungen in Richtung der großen Freifläche der St. Arnualer Wiesen zu bieten. Die Nisthilfe wurde aus zwei Gründen in einer Höhe von 67 m am Kamin, d.h. 110 m über Grund, angebracht: zum einen, weil die meisten der bisherigen Wanderfalken-Beobachtungen am Kamin ab diesem Bereich nach oben gemacht wurden und zum anderen, um einen Standort oberhalb des Dampfes der Kühltürme zu gewährleisten.

Bereits im Oktober 1993 ist der Wanderfalke wieder am Kamin und wird Mitte des Monats auf dem Dach der Nisthilfe beobachtet. Im November kann er zum ersten Mal beim Einflug in die Nisthilfe beobachtet werden. Leider scheint sich kein passender Partner zu finden und der Wanderfalke bleibt bis April 1996 Eremit am Kraftwerk in Saarbrücken.

Anfang April 1996 taucht ein zweiter Wanderfalke auf und beide halten sich am Kamin, im Bereich der Nisthilfe und darin auf. Auch in den folgenden Jahren sind immer wieder zwei Vögel zu beobachten.

Herr Engel beobachtet am 14.08.1997 drei Wanderfalken bei Flugspielen um den Kamin. Im Juni 1999 registriert er an zwei Tagen (10. und 11.) einen juvenilen Falken an der Nisthilfe. Am 10. April 2002 gelingt es ihm, Zeuge einer Kopulation auf dem Geländer der Kontrollbühne am oberen Kaminende zu werden. Auch im Februar 2004 kann eine Kopulation beobachtet werden. Am 14. Mai des gleichen Jahres werden erneut drei Falken am Kamin fest-gestellt, von einem sind Bettelrufe zu hören. 2006 konnte im März noch einmal eine Kopulation beobachtet werden, diesmal auf dem Dach der Nisthilfe.

Ein wirklicher Brutbeweis fehlt bis heute, da die Nisthilfe von keiner Stelle der Stadt direkt einsehbar ist und somit kein Beobachter visuellen Zutritt hat. Somit wäre der Beweis nur durch Jungvögel direkt an der Nisthilfe zu erbringen. Möglich ist auch, daß es beim Saarbrük-ker Wanderfalkenpaar aus irgendeinem Grunde mit der Eiablage und/oder Jungenaufzucht nicht klappt. Mögliche Gründe gibt es hierfür eine ganze Reihe.

Die Saarbrücker Naturschützer und Vogelfreunde geben aber die diesbezügliche Hoffnung nicht auf und freuen sich weiterhin daran, daß die Wanderfalken die ihnen angebotene Woh-nung zumindest zum Ruhen, Beobachten und Kröpfen nutzen.

Literatur:

BOS, J.; BUCHHEIT, M.; AUSTGEN, M.; ELLE, O. (2005): Atlas der Brutvögel des Saar-landes. Ornithologischer Beobachterring Saar. Mandelbachtal, S. 116f.

ROTH, N.; NICKLAUS; G.; WEYERS, H. (1990): Die Vögel des Saarlandes. Ornithologi-scher Beobachterring Saar, Homburg, S. 88f.

SÜSSMILCH, G.; BOS, J.; BUCHHEIT, M.; NICKLAUS, G. (1997): Zur Situation der Brut-vögel des Saarlandes. Ornithologischer Beobachterring Saar. Lanius 31: 22.

 

Neue Plätze für den Turmfalken

Im Herbst und Winter 2014/15 konnten zwei neue Turmfalkenkästen an Kirchen in Saarbrücken eingebaut werden, einer in der Christuskirche auf dem Rotenbühl und einer in der Kirche St. Michael in St. Johann, wo ein Turmfalkenpärchen im Frühjahr 2014 gesehen wurde. Einen dritten Kasten haben die Mitarbeiter von Saarstahl Burbach am Bunker auf dem Werksgelände angebracht, auch hier wurden Turmfalken beobachtet, aber keine Brut festgestellt.

Damit gehen die Beobachtungen in eine neue Saison. Mittlerweile suchen zumindest die Dohlen ihre alten Nisthilfen in den Kirchen wieder auf und auch der Turmfalke kehrt aus seinen Überwinterungsplätzen zurück und wird die neuen und alten Nisthilfen hoffentlich bald besiedeln.

Februar 2015, Gabi Stein