Wanderfalken in luftiger Höhe

 

von Ralf Kohl

Im Zuge des Bestandseinbruches der Wanderfalken (Falco peregrinus) in den fünfziger und sechziger Jahres des letzten Jahrhunderts verschwand die Art als Brutvogel auch aus dem Saarland. Die letzten Wanderfalken wurden 1963 an ihrem Brutfels im nordwestlichen Lan-desbereich beobachtet (ROTH et al. 1990). Mit dem ansteigenden Bestand der Wanderfalken in anderen Bundesländern, der unter anderem auf konsequente Horstbewachung zurückgeht, wurden Wanderfalken auch im Saarland immer wieder beobachtet. Als Brutmöglichkeit für diese im südlichen Teil ihres Verbreitungsgebietes felsbrütende Art - in den nördlichen Re-gionen gibt es neben Baum- auch Bodenbrüter - kommen neben den natürlichen Felsen der unteren Saar und anthropogen geschaffenen Horststandorten in Steinbrüchen auch die Kunstfelsen der menschlichen Siedlungslandschaft in Betracht. Seit 1993 gehört der Wanderfalke wieder zu den saarländischen Brutvogelarten (SÜSSMILCH et al. 1997) und konnte 2004 in sieben Revieren nachgewiesen werden (BOS et al. 2005).

Im Bereich der Landeshauptstadt Saarbrücken wurden Wanderfalken seit 1991 regelmäßig beobachtet. Peter Emil Engel hat die schnellen Flieger nicht nur beobachtet, sondern alle Daten genau in seinen Beobachtungsjournalen festgehalten. Da er die Beobachtungen dem Autor zur Verfügung stellte, ist es ihm zu verdanken, daß nun auf über 1000 Beobachtungen aus 15 Jahren zurückgegriffen werden kann.

Seit November 1991 konnte ein adulter Wanderfalke regelmäßig am Kamin des Heizkraftwerkes Römerbrücke festgestellt werden. Besonders interessant an den Beobachtungen ist, daß sich dieser Wanderfalke an dem insgesamt 176 m hohen Kamin immer im oberen Bereich.aufhielt und mit Beute oben am Kamin landete und kröpfte. Der Vogel verschwindet im März 1992 und ist erst ab Ende November 1992 wieder am Kamin zu beobachten. Die weiteren Beobachtungen decken den Zeitraum bis Anfang April 1993 ab.

Als der Kamin im Laufe des Jahres 1993 saniert wird, kann die NABU-Gruppe Saarbrücken ihre Idee, eine Nisthilfe am Kamin anzubringen, in die Tat umsetzen. Der damalige Chef der Saarbrücker Stadtwerke und spätere saarländische Umweltminister, Herr Prof. Willy Leonhardt, gibt seine Zustimmung. Durch enge Kontakte zu den in Baden-Württemberg aktiven Wanderfalkenschützern kann auf deren Erfahrungen mit Nisthilfen an ähnlichen Standorten zurückgegriffen werden. Nach den schwäbischen Vorgaben lassen die Saarbrücker Vogelschützer eine Nisthilfe aus Edelstahl bauen, die den Anforderungen bzgl. Witterung, aber auch bzgl. Sicherheit in luftiger Höhe gewachsen ist. Der innere Bereich wird mit Kies aus-gelegt.

Die Nisthilfe kostet knapp 2000 DM und wird von der mit den Sanierungsarbeiten betrauten Firma im August 1993 an der Ostseite des Kamins in halber Höhe angebracht. Der Standort wurde gewählt, um den Falken einerseits optimalen Schutz vor dem in diesem Bereich nor-malerweise vorherrschenden westlichen Wind zu gewährleisten und andererseits optimale Sicht und Startbedingungen in Richtung der großen Freifläche der St. Arnualer Wiesen zu bieten. Die Nisthilfe wurde aus zwei Gründen in einer Höhe von 67 m am Kamin, d.h. 110 m über Grund, angebracht: zum einen, weil die meisten der bisherigen Wanderfalken-Beobachtungen am Kamin ab diesem Bereich nach oben gemacht wurden und zum anderen, um einen Standort oberhalb des Dampfes der Kühltürme zu gewährleisten.

Bereits im Oktober 1993 ist der Wanderfalke wieder am Kamin und wird Mitte des Monats auf dem Dach der Nisthilfe beobachtet. Im November kann er zum ersten Mal beim Einflug in die Nisthilfe beobachtet werden. Leider scheint sich kein passender Partner zu finden und der Wanderfalke bleibt bis April 1996 Eremit am Kraftwerk in Saarbrücken.

Anfang April 1996 taucht ein zweiter Wanderfalke auf und beide halten sich am Kamin, im Bereich der Nisthilfe und darin auf. Auch in den folgenden Jahren sind immer wieder zwei Vögel zu beobachten.

Herr Engel beobachtet am 14.08.1997 drei Wanderfalken bei Flugspielen um den Kamin. Im Juni 1999 registriert er an zwei Tagen (10. und 11.) einen juvenilen Falken an der Nisthilfe. Am 10. April 2002 gelingt es ihm, Zeuge einer Kopulation auf dem Geländer der Kontrollbühne am oberen Kaminende zu werden. Auch im Februar 2004 kann eine Kopulation beobachtet werden. Am 14. Mai des gleichen Jahres werden erneut drei Falken am Kamin fest-gestellt, von einem sind Bettelrufe zu hören. 2006 konnte im März noch einmal eine Kopulation beobachtet werden, diesmal auf dem Dach der Nisthilfe.

Ein wirklicher Brutbeweis fehlt bis heute, da die Nisthilfe von keiner Stelle der Stadt direkt einsehbar ist und somit kein Beobachter visuellen Zutritt hat. Somit wäre der Beweis nur durch Jungvögel direkt an der Nisthilfe zu erbringen. Möglich ist auch, daß es beim Saarbrük-ker Wanderfalkenpaar aus irgendeinem Grunde mit der Eiablage und/oder Jungenaufzucht nicht klappt. Mögliche Gründe gibt es hierfür eine ganze Reihe.

Die Saarbrücker Naturschützer und Vogelfreunde geben aber die diesbezügliche Hoffnung nicht auf und freuen sich weiterhin daran, daß die Wanderfalken die ihnen angebotene Woh-nung zumindest zum Ruhen, Beobachten und Kröpfen nutzen.

Literatur:

BOS, J.; BUCHHEIT, M.; AUSTGEN, M.; ELLE, O. (2005): Atlas der Brutvögel des Saar-landes. Ornithologischer Beobachterring Saar. Mandelbachtal, S. 116f.

ROTH, N.; NICKLAUS; G.; WEYERS, H. (1990): Die Vögel des Saarlandes. Ornithologi-scher Beobachterring Saar, Homburg, S. 88f.

SÜSSMILCH, G.; BOS, J.; BUCHHEIT, M.; NICKLAUS, G. (1997): Zur Situation der Brut-vögel des Saarlandes. Ornithologischer Beobachterring Saar. Lanius 31: 22.

 

Neue Plätze für den Turmfalken

Im Herbst und Winter 2014/15 konnten zwei neue Turmfalkenkästen an Kirchen in Saarbrücken eingebaut werden, einer in der Christuskirche auf dem Rotenbühl und einer in der Kirche St. Michael in St. Johann, wo ein Turmfalkenpärchen im Frühjahr 2014 gesehen wurde. Einen dritten Kasten haben die Mitarbeiter von Saarstahl Burbach am Bunker auf dem Werksgelände angebracht, auch hier wurden Turmfalken beobachtet, aber keine Brut festgestellt.

Damit gehen die Beobachtungen in eine neue Saison. Mittlerweile suchen zumindest die Dohlen ihre alten Nisthilfen in den Kirchen wieder auf und auch der Turmfalke kehrt aus seinen Überwinterungsplätzen zurück und wird die neuen und alten Nisthilfen hoffentlich bald besiedeln.

Februar 2015, Gabi Stein